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          Klassische Moderne Baden-Württemberg           Einleitung




 

Klassische Moderne in Baden-Württemberg?

Natürlich, das ist die Werkbund-Ausstellung auf dem Stuttgarter Weissenhof-Gelände ... und dann? Ach ja, noch die vielleicht etwas "sterile" Dammerstock-Siedlung in Karlsruhe.
     So jedenfalls möchte man im ersten Moment wohl denken. Tasächlich aber präsentiert sich das Neue Bauen "links unten" (auf der Landkarte) quantitativ und wichtiger qualitativ weit vielschichtiger und spannender - am Ende sogar mit einem Schuß Ambivalenz.
     Denkt man länderbezogen in heutigen Kategorien so kann das Neue Bauen in Baden-Württemberg in seinem umfassenden Einsatzbereich durchaus mit Berlin, der Metropole dieses Stils, mithalten und das zurecht gerühmte "Neue Frankfurt" gar hinter sich lassen. Das aber bedeutet zweifellos eine gewichtige Behauptung - den Nachweis will diese Website führen.
     Ungeachtet seines im Vergleich natürlich deutlich geringeren Bauvolumens entstanden in Baden und Württemberg mit der Weissenhof-Siedlung in Stuttgart die wichtigste Bauaustellung der 1920er Jahre. Und die fast ebenso viel Beachtung findende Ausstellung "Die Gebrauchswohnung", der einzigen die sich derart intensiv um die Behausung des einfachen Arbeiters kümmerte, entstand im Ortsteil Dammerstock von Karlsruhe, das bis dato vor allem bekannt für seinen vom Stadtschloss ausgehenden barocken, fächerförmigen Stadtgrundriss und den Klassizismus Friedrich Weinbrenners.
     Aber noch mehr: hier finden sich die ersten Krankenhäuser in moderner Formensprache und Behandlung der Patienten. Auch auf dem Schulsektor und im Bereich des Lichtspielhauses nahm man sich des Neuen Bauens an, nicht zuletzt beim Sport: in Karlsruhe entstand das erste moderne Sportstadion Deutschlands.
     Darüberhinaus wurden mehrere Kaufhäuser erbaut, unter ihnen ausgerechnet das bekannteste, das Mendelsohn`sche Schocken-Kaufhaus - übrigens in direkter Nachbarschaft des überzeugendsten Hochhauses des modernen Stils, dem Stuttgarter Tageblatt-Turm.
     Ungewöhnlich schließlich die Schiffbarmachung des einst unberechenbaren Neckars mit Staustufen, die das Neue Bauen auch in abgelegenste Gegenden brachte. Wo bis ins frühe 20. Jahrhundert alleine die mittelalterlichen Burgen auf sich aufmerksam machten, vor allem im engen Tal des Neckarabschnitts von Bad Wimpfen bis Heidelberg: Kaiserpfalz Wimpfen, Burg Ehrenberg, Burg Guttenberg, Schloss Horneck, Burg Hornberg, Schloss Zwingenberg, Burg Hirschhorn, die Neckarsteinacher Burgen, Veste Dilsberg und natürlich das weltberühmte Heidelberger Schloss, da treten seit dem Wirken Bonatz' die strengen und glatten Fluß-Pylonen kontrapostisch, geradezu frech entgegen.
     Nicht zuletzt weiß diese Website von modernem Wohnungsbau in noch traditioneller Blockrandbebauung bis hin zur sich immer stärker durchsetzender Zeilenbauweise zu berichten und sozusagen als "i-Tüpfelchen" von einer ganzen Reihe z.T. aufseheneregender Villen der Moderne.
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Die schon eingeführte Ambivalenz zeigt sich in der Struktur der Architektenschaft.
     Auf der einen Seite bauten in Baden-Württemberg - und das ist in dieser Dichte weltweit einmalig - die vier "Großen" des internationalen Stils: Le Corbusier, J.J.P. Oud, Mies van der Rohe und Walter Gropius! Außerdem weitere bedeutende Persönlichkeiten wie Erich Mendelsohn, Mart Stam, Victor Bourgeois, Josef Frank, Bruno und Max Taut, Hans Scharoun, Adolf Rading, Otto Haesler, Riphahn und Grod. Und schließlich hinterließen auch die großen "Alten" Heinrich Tessenow, Peter Behrens und Hans Poelzig bauliche Zeugnisse (jene Ballung verdankt sich natürlich weitestgehend den Unternehmungen auf dem Weissenhof und im Dammerstock).
     Auf der anderen Seite dagegen das fast völlige Fehlen "einheimischer" Größen! Hier lässt sich lediglich der aber auch nur in zweiter Reihe stehende Richard Döcker nennen. Des weiteren, das gebieten einfach die Fakten, der Moderne-Verächter Paul Bonatz, der als einflußreicher Traditionalist opportun dort zu moderner Formensprache griff, wo sie ihm gelegen schien.
     So läßt sich also ersehen, daß ein bedeutender Teil der im Süd-Westen entstandenen Klassischen Moderne auf "importierte" Architektenleistung führender Kräfte der 1920er Jahre beruht. Auch dies unterstreicht die Bedeutung der hier entstandenen Gebäude bei der Einordnung in das deutsche Gesamtwerk des Neuen Bauens - zumal wenn man bedenkt, daß die Größen Le Corbusier und J.J.P. Oud  nur in diesem Teil Deutschlands Gebäude im Stil des Neuen Bauens hinterließen.

Fast unnötig zu erwähnen, daß eine solche "Erfolgsgeschichte" des Pendants auf Bauherrenseite bedurfte. Dabei zeigt sich, daß bei ortsansässigen Persönlichkeiten der Wunsch nach Erneuerung offensichtlich größer war als bei der Architektenschaft selbst. Führenden Werkbund-Mitgliedern, Bürgermeistern, Stadtbauamt-Leitern, illustren Privatpersonen ist man hier ob ihrer mutigen Bemühungen in Anbetracht der damals immer noch gängigen (und gar nicht so "modernen") Architektur-Konventionen zu Dank verpflichtet.
     Exemplarisch soll das "Romantische Heidelberg" genannt sein, weltberühmt für Altstadt und Schloss. Hier ließen sich der Nobelpreiträger Dr. Bergius vom Essener Professor Körner, der Chemiker Professor Freudenberg vom Großen Heinrich Tessenow, die Kunst- und Gartenhistorikerin Dr. Gothein vom Bauhäusler Hans Krebs und die Orchideenzüchterin Dr. Deetjen von Ernst Trömmler (ebenfalls Bauhaus-Architekt) ihre durchaus Aufsehen erregenden Domizile in konsequenter Modernität erschaffen.
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Ein weiterer augenfälliger Punkt ist die für Baden-Württemberg sehr kurze Phase des Neuen Bauens. Da sie, wie dargelegt, vor allem auf zu importierende Leistungen zurückgriff beginnt sie folgerichtig erst 1927 mit der Werkbund-Ausstellung auf dem Weissenhof - sozusagen als Initialzündung. Um bereits 1931, also nach nur fünf Jahren schon wieder zu enden!
     Die Weltwirtschaftskrise von 1929 galt republikweit und brachte Anfang der 30er Jahre die bauliche Tätigkeit fast gänzlich zum Erliegen. Also muß man konstatieren, daß diese so fruchtbare Phase der Moderne, die Periode des Aufbruchs, die sich vor allem als Weiße Moderne mit glatt verputzten, kubischen Baukörpern manifestierte, in Baden-Württemberg gerade einmal fünf Jahre andauern durfte (die einzige Ausnahme bilden Bonatz` Staustufen, die dank seiner Haltung auch im NS-Regime weitergebaut wurden). Um so  erstaunlicher wird darüber die Vielzahl und vor allem die Qualität der baulichen Zeugnisse dieser Moderne. Es war eben eine euphorische Stimmung, die sich in den "goldenen 20ern" ausbreitete und ab Mitte der Dekade für einen "Bauboom" sorgte, welcher schließlich auch den in Baufragen bis dato konservativen Süd-Westen Deutschlands ergriff.
     Die selbst gestellte Aufgabe des Autors bestand in der Präsentation der Klassischen Moderne in ihrer Qualität.
Beim vorliegenden Buch handelt es sich demnach nicht um ein komplettes Werkverzeichnis, vielmehr soll diese so fruchtbare Phase der Moderne in ihren guten Ergebnissen, in ihren auch heute noch Interesse weckenden Ergebnissen vermittelt werden.
     Kurz gesagt: vieles wurde gesichtet und einiges fallengelassen. Auch entsprach es Autorenwunsch, das Neue Bauen in seiner Reinform zu präsentieren, d.h. durchaus moderne Gebäude mit jedoch noch (zu) großem traditionellen Gestaltungsanteil fielen zugunsten der klaren Linie "durch den Rost".
Nicht Gegenstand der Dokumentation ist die "Geschichte  hinter der Geschichte". Für die ungemein interessanten Hintergründe allen voran der Weissenhof-Ausstellung und der Dammerstock-Siedlung sei auf bereits existierende und lehrreiche Literatur verwiesen (siehe Abschnitt "Bibliographie").
     Diese Website dagegen will sich im Sinne Johnson/Hitchcocks "The International Style" (von 1932)  einzig der Architektur und dem Städtebau selbst widmen.
Von der Besichtigung der einzelnen Gebäude läßt sich erfreuliches berichten, durchweg befinden sie sich in einem guten Zustand, wenngleich sich hier und da unnötige Veränderungen eingeschlichen haben.
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Ärgerlich dagegen ist der städtebauliche Umgang ausgerechnet mit den Vorzeigeprojekten Weissenhof und Dammerstock. Nazi-Diktatur, Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges und Nachkriegsmoderne haben in unheilvoller Allianz die ursprünglichen Konzeptionen vernichtet oder erstickt, zumindest die ursprüngliche Wirkung (im Dammerstock die noch zu ergänzende Wirkung) entscheidend verwässert! 
     Im übrigen sind alle noch erfassbaren Gebäude  durch aktuelle Fotos präsentiert, damit wird der Dauerhaftigkeit der Anfänge der Moderne Tribut gezollt.
     In den 1920er Jahren zeigte sich eine Moderne, die in ihrem unablässigen Ruf nach der noch nicht bereiten Bauindustrie, durch die Beschränkung ihrer Mittel auf Putz, Glas und Stahl ihr Heil in der skulpturalen Durchformung und der ausgewogenen Proportionierung der Baumassen suchte - und damit tatsächlich ästhetischen Erfolg erzielte. Dass die bereits genannten "Heroen" in den Jahren nach Erstem Weltkrieg, ob miserabler Auftragslage, unablässig entwarfen, ohne mit den baulichen Alltagsproblemen beschäftigt zu sein, war sicher auch nicht von Nachteil, als die Bautätigkeit Mitte der 20er wieder anzog waren die Köpfe jedenfalls voller Ideen.
     Spätenstens nach der Ruptur des Zweiten Weltkrieges und einer sich rasant vergrößernden Bauindustrie wurde die formalen Qualitäten der Klassischen Moderne  in einer Monotonie ungekannten Ausmaßes vermittels unablässiger Durchrasterung in Blech und Beton aufgelöst. Architektonische Werte wurden hier nur noch selten erreicht.
     Schließlich machte ein heute naiv erscheinender Fortschrittsglaube, gepaart mit der Verwerfung alles Vergangenem, nicht einmal vor den eigenen Wurzeln halt - die frühen, die initiierenden Werke des Neuen Bauens drohten in Vergessenheit zu geraten.
Erst in den 1980er Jahren setzte eine Gegenbewegung ein, wurde man sich der Qualitäten dieser so fruchtbaren Phase, ja der fruchtbarsten Phase überhaupt der Moderne  zunehmend wieder bewußt.
     Nicht von ungefähr wenden sich viele, z.T. auch bedeutende Architekten der heute herrschenden Moderne-Generation verstärkt der Formensprache der "Goldenen 20er" zu. Blickt man in so manche Architektur-Zeitschrift,  kann man sich gar des Begriffes "Wiedergeburt" kaum erwehren.
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